CANTIENICA®-Blog

Tag 2 in Kigali

Yoga-Lektion mit Nassim, 35. Hier ihre Lebensgeschichte in Stichworten.

Nassim ist 15, frisch verheiratet. Menschen machen den Krieg, der als Genozid in die Geschichte eingehen wird. Ihr Ehemann wird brutal umgebracht. Sie wird verschleppt und monatelang vergewaltigt, oft von ganzen Banden. Ein RPF-Militarist rettet sie. Nassim ist HIV-positiv und schwanger. Der Befreier heiratet sie, erkennt Trésor als Sohn an. Mit 7 Jahren wird der Junge untersucht, er ist HIV-positiv seit seiner Geburt. Der Retter schlägt Mutter und Sohn zusammen und verlässt sie.


Nassim beim Unterrichten



Nassim vor drei Jahren


Deirdre trifft Nassim, sieht ihre Begabung und trainiert sie als Yoga-Lehrerin. Eines Morgens auf einem Moto Taxi, unterwegs zur Arbeit in einer Genossenschaft, wird das Motorrad angefahren von einem europäischen SUV. Nassims Bein ist zerquetscht. Die Fahrerin war abgelenkt durch ein Handy. Die Schuldfrage ist klar, doch werden weder die begüterte Fahrerin noch ihre Versicherung belangt. Nassim ist nicht versichert, kaum 10 % der Bevölkerung können sich das leisten. Das Bein muss amputiert werden. Project Air bezahlt die Behandlung.

Deirdre gewann die Nichtregierungsorganisation “Limbs for Life” als Sponsor. Es dauerte zweieinhalb Jahre, bis Nassim eine einigermassen funktionierende Prothese hatte, sie ist immer noch zu lang und schneidet in die Hüftknochen. Yoga unterrichtete sie auch mit einem Bein, “sie hat das grossartig gemacht”, sagt Deirdre.

Trésor ist der beste in seiner Klasse und hat Aussicht auf ein Stipendium an einer staatlichen Universität.

Eine kleine Erfolgsgeschichte für Project Air, das für die gesamten Schulkosten von Trésor aufkommt. “Trésor ist glücklich, dass seine Mutter wieder zwei Beine hat”, sagt Nassim und strahlt.

Yoga-Lektion mit misshandelten Frauen im Universitätsdistrikt Nyamirambo heisst: Grosses Gepäck. Ein Koffer voll Matten. Taschen mit Yogahosen, Baumwolle, hellgrau. Taschen mit Gummibändern und Tennisbällen. “Nicht über die Kirchentreppe”, sagt Deirdre, “wir müssen über den Schotter.” Die Kirche, die den Raum gegen Geld vermietet, will nicht, dass Yoga-Praktizierende den Weg durch die heiligen Mauern nehmen.

Die meisten Frauen kommen direkt aus einer Sitzung für Traumabewältigung. Schon beim Über- und Unterziehen der Hosen wechselt die Stimmung, die Frauen beginnen zu erzählen und zu lachen, puffen und stupsen. Zuletzt liegen 15 Frauen auf engem Raum auf den Matten und setzen um, was Nassim anleitet.


Deirdre Summerbell


Deirdre kann nicht stillsitzen, und bald springt sie von einer Frau zur nächsten, legt robust Hand an, stellt hier ein Becken gerade, rückt dort einen Kopf zurecht, mahnt, nicht zu schnell aufzugeben – oder zwischen dem Erzählen doch noch zehn Wiederholungen der Übung zu machen. Thema ist Mobilisierung des Beckens. Nach CANTIENICA®-Standards ist es eine chaotische Lektion, doch macht sie offensichtlich allen sehr viel Freude.

Irgendwann fordert mich Deirdre auf, mich am Coaching zu beteiligen. Die Frauen liegen mit geschlossenen Augen auf dem Boden. Ich schaue Josine durch die geschlossenen Augen an, lege meine Hände sanft in ihren Nacken und rücke ihren Kopf zurecht. Ein sanftes Lächeln entsteht um ihren Mund, sie öffnet die Augen nicht.

Ein Mann bringt einen Kanister mit Milch und eine grosse Tasche mit Essen. Ich verschwinde mit Fred-Marc aus dem Raum, um die Frauen nicht zu beschämen. Wir sehen, dass einige der Frauen ihr Essen und die Milch eingepackt haben, “sie bringen es nachhause zu ihrer Familie”, sagt Deirdre, “dabei hätten sie die Nahrung so nötig.” Ich sehe, wie Nassim einer Frau Geld zusteckt. Es ist die älteste Frau in der Gruppe, sie trägt mehrere Schichten Kleider, obwohl es sehr warm ist im Raum, sie beteiligte sich kaum am Unterricht. Deirdre kann an Tag 2 schon meine Mimik und die Gedanken dahinter lesen, “sie hat seit drei Tagen nichts gegessen, und ihre acht Kinder hungern auch. Sie kommt nicht wegen dem Yoga, sondern für die Lebensmittel, die nachher verteilt werden.”

“Es ist jede Woche eine Überraschung, wie die Lektion wird, wer kommt und wer nicht kommen konnte”, schildert Deirdre auf dem Heimweg, “die eine wurde an dem Tag zusammen geschlagen, die andere vergewaltigt, eine muss ein missbrauchtes Kind pflegen, die andere ist zu schwach für den Weg hierher.”

Und wieder liest sie mein Gesicht, “schreibe auch, was wir morgen machen werden: Wir gehen in einen Komplex der Adventisten. Wir arbeiten mit einer Gruppe Männer. Diese Männer waren gewalttätig gegen ihre Frauen und Kinder, in jeder erdenklichen Form. Es ist unsere erfolgreichste Gruppe.”

Nun denn, bis morgen! Morgen wird Damascene, der Haushelfer von Deirdre, mindestens 40 Hosen waschen. Von Hand.

#Nassim #Yoga #Deirdre #Trésor #Sponsor #LimbsforLife

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